Ammonitenmodelle (zwei verschiedene Möglichkeiten).

Eines vorweg - die Ammoniten gehörten zur Tiergruppe der Kopffüßer (Cephalopoda) und besaßen keinen Tintenbeutel. Daher wäre es falsch, sie als Tintenfische zu bezeichnen.

Bis zum heutigen Tag wurden unzählige Ammoniten geborgen, aber nie kamen Fangarme oder Vergleichbares zur Ablagerung. Von anderen Kopffüßern hingegen, ja selbst von dem weichen und glitschigen Oktopus in Sedimenten des Tertiär wurden fossile Fangarme gefunden. Von manchen Kopffüßern wie aus dem englischen Oxford Clay (Mittlerer Jura) liegen Funde mit Fangarmen sogar in bester Erhaltung vor. Schnell könnte sich die Folgerung aufdrängen, daß bei Ammoniten keine Fangarme fossilisieren konnten, weil Ammoniten keine besaßen und was nicht da war konnte auch nicht fossilisieren. Dagegen spricht allerdings, daß Ammoniten einerseits eine Reibzunge hatten wie heutige Fangarme tragende Kopffüßer auch und andererseits einen Anaptychus/Aptychus, mit dem sich das Ammonitentier bei Gefahr “deckeln” konnte, also die Wohnkammer verschließen konnte. Solch ein manchmal recht schwerer Aptychus mußte ja mit irgend einer Muskulatur dazu bewegt werden und an den Aptychus angewachsene Fangarme hätten diese Aufgabe bestens übernehmen können. Es fehlt also bei den Ammoniten der entscheidende Fossilienbeleg eines Fangapparates. Seit über 100 Jahre wird daher versucht, sich das Ammonitentier vorzustellen. Aber genau genommen ist auch heute noch alles lediglich ein theoritischer Versuch. Hauptsächlich ist man dabei auf den rezenten Nautilus angewiesen, der aber mangels Anaptychus/Aptychus und seinem kleinen agressiven Schnabelkiefer nicht wirklich als Vergleichsstück dienen kann. Nachstehendes Bildmaterial gibt einen kleinen Einblick darüber, wie Aptychen in Erscheinung treten und welche Funktion sie gehabt haben könnten. Bei den hier dargestellten Ammonitenmodellen gehen wir davon aus, daß Ammoniten Fangarme besaßen.

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Das Ammonitentier und die mögliche Funktion seines Aptychus/ Anaptychus (Aptychi):

Nautiliden und Tintenfische verfügen von Anbeginn über einen kleinen Schnabelkiefer.

Ammoniten hingegen verfügten über einen viel größeren “Schaufelkiefer”, dessen Unterkiefer als Aptychus oder Anaptychus vorliegen kann. Aptychen/Anaptychen sind biologisch veränderte einstige Unterkiefer und haben eine deckelfähige Größe erlangt. Scheinbar haben bereits die ersten Ammoniten im devonischen Dachschiefer solch einen deckelfähigen “Schaufelkiefer” besessen. Allerdings gibt es auch Ammoniten wie beispielsweise die unzähligen Dactylioceraten aus dem Ölschiefer des Lias epsilon, von denen noch nie ein Aptychus oder anderweitiger Kiefer gefunden wurde.

Selten werden von den Ammoniten die rudimentären Oberkiefer gefunden. Diese recht zarten Gebilde ergeben von ihrer kleineren Form her kein gemeinsames Kauwerkzeug mit dem Aptychen-Unterkiefer. Diese kleinen unstabilen Oberkiefer könnten jedoch als Gegenstück (Widerlager) für die Reibzunge (Radula) gedient haben. Der Aptychen- Unterkiefer war dann frei für andere Aufgaben.

Folgende Theorien sind denkbar:

1. Die Aptychen dienten als Deckel (Operculum).

2. Die Ammoniten besaßen einen proportional übergroßen Kieferapparat, der wie auch  immer Beißfunktion ausüben konnte.

3. Die übergroßen Aptychen waren einst Unterkiefer, verloren ihre Kieferfunktion und dienten zur Unterstützung des Fangapparates und als Schutzschild ähnlich einem Deckel, der von unten her wie eine Zugbrücke die Wohnkammer verschloß.

 4. Der nicht beißfähige Kieferapparat dienten als eine Art Pumpe, mit welcher das planktonreiche Wasser über die Radula gestrudelt wurde (KENNEDY et al.).
 

Knittel/Beckmann favorisieren bei ihren Modellen die 3. Theorie.

Bisher wurden Ammonitenmodelle immer mit räuberischen Fangarmen dargestellt, was aber nicht den fossilen Mageninhalten entspricht, weil immer Belege für Kleinstnahrung vorliegen. Zudem erhalten sich räuberische Fangarme auch fossil, wie wir von vielen Coeloiden-Funden wissen. Fangarme von Ammoniten wurden hingegen nicht fossil überliefert und dürften daher weniger stabil gewesen sein. Der Aptychus als überdimensionaler Unterkiefer gilt seit 1976 durch Prof. Lehmann als nachgewiesen. Dieser riesige Unterkiefer könnte Bestandteil des Fangapparates der Ammoniten gewesen sein, denn er war als Kieferapparat für ein räuberisches Leben ungeeignet und viel zu groß, als daß er mit seiner dazu erforderlichen Muskulatur “Buccalkapsel” in der Wohnkammer Beißfunktion hätte ausüben können. Ammoniten hatten zwar eine Reibzunge wie alle anderen Cephalopoden mit Ausnahme der Spiruliden auch, aber der Schaufelkiefer-Apparat ist wegen seiner Größe nicht zu vergleichen mit den viel kleineren Kieferapparaten anderer Cephalopoden. Den Aptychus aber einfach als Deckel ähnlich der Nautilus- Kopfkappe draufzusetzen, widerspräche der Ammonitenforschung vergangener Jahrzehnte.

Im Jahre 2002 publizierten Kennedey et al. erstaunliche Ammonitenfunde der Gattung Rhaeboceras mit Kiefer und Radula aus der Oberkreide von Montana. Die Kiefer (es werden Ober- und Unterkiefer beschrieben) entsprechen der lichten Weite der Wohnkammer. Das wirklich verblüffende dabei sind jedoch die „Riesen-Radulas“ (Reibzungen), die halb so groß wie die Kiefer sind. Eine Erklärung dazu wäre, daß mit dem Kieferapparat Plankton reiches Wasser über die Radula gestrudelt wurde und die große Radula als Filtriereinrichtung diente.

Ein wenig bekanntes Fossil - ein Orthoceras sp. aus dem schwedischen Silur mit einem Aptychus in “Verschlußposition”. Orthoceraten gelten jedoch nicht als Vorgänger der Ammoniten.                                      Bild: Uni Lund/Schweden.

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Ein historischer Fund von 1897. Es ist ein Anaptychus im Mündungsbereich eines Goniatiten aus dem Oberdevon von Bicken/Hessen. Goniatiten gelten als die frühen Vorgänger der Ammoniten und konnten also schon die vordere Wohnkammer “abdeckeln”.

Ein Gyroceratites mit Unterkiefer aus dem Wissenbacher Schiefer (Mittel- Devon) zeigt, daß schon die frühen Ammoniten mit ihren Kiefern einen anderen Weg als die sonstigen Cephalopoden einschlugen.

Im Jahre 1965 ein erstmals sensationeller Fund einer Reibzunge (Radula) in einem Goniatiten Eoasianites aus dem Karbon von Uruquay. In den Folgejahren wurden diese Reibzungen in jurassischen Ammoniten einige Male nachgewiesen.

Isolierte “Mundwerkzeuge” von Ceratiten aus Kleinromstedt/Apolda zeigen, daß auch Ceratiten eher einen Schaufelkiefer als einen Schnabelkiefer besaßen.

Ein 3,4 cm messendes Lissoceras mit Aptychus in Verschlußposition aus dem Ornatenton von Albstadt Lautlingen.

Ein Nautilus (13 cm) aus dem Nusplinger Plattenkalk verdeutlicht, wie doch proportional klein solche Schnabelkiefer sind und ein Vergleich zu den riesigen Schaufelkiefern der Ammoniten eher keinen Sinn macht. (Aus Stuttgarter Beiträge zur Naturkunde - Serie C Nr.45).

Ein interessanter Fund eines Aspidoceraten aus dem Nusplinger Plattenkalk mit unterem “Schaufelkiefer” und oberem rudimentären “Oberkiefer”. Es werden die extremen Größenunterschiede zu links gezeigtem Nautilus-Schnabelkiefer deutlich. (Aus Stuttgarter Beiträge zur Naturkunde).

 

Ein Eleganticeras elegantulum aus den “Ahrensburger Knollen” (Schwarzjura, unteres Toarcium) mit großem Lamellaptychus. Diese Ammoniten waren Grundlage für Prof. Lehmanns Untersuchungen, die zu der Erkenntnis führten, daß Aptychen biologisch gesehen groß gewachsene Unterkiefer waren.

Prof. Lehmann veröffentlichte 1976 diesen Kieferapparat eines Hildoceras (Hildaites) levisoni mit seinem Cornaptychus-Paar. Sein gezeichneter Kieferapparat erinnert aber zu sehr an Schnabelkiefer rezenter Kopffüßer. Ammoniten besaßen solche beißfähigen Schnabelkiefer jedoch nicht.

Dieser goße Aptychus (Schaufelkiefer) muß also eine andere Aufgabe erfüllte haben und die Lebensweise so mancher Ammoniten könnte darauf hindeuten, daß er als Schutzfunktion und Teil des Fangapparates (Armschirmhaut) eingesetzt wurde, so wie in diesem Modell dargestellt.

Orthaspidoceras uhlandi (21 cm) mit Laevaptychus aus dem Malm gamma von Geisingen ist einer von vielen Jura- Ammoniten-Funden, welche uns vor Augen führen, daß wir es hier garnicht mit einem Kieferapparat im eigentlichen Sinne zu tun haben können. Sammlung Herold, Aldingen.

Taramelliceras canaliculatum (4,0 cm) mit Lamellaptychus, Ober-Callovium, Zollernalb, Sammlung Knittel.

Taramelliceras sp. (5,0 cm) mit Lamellaptychus, Oxfordium, Zollernalb, Sammlung Knittel.

Taramelliceras sp. (12 cm) mit Lamellaptychus, Malm gamma, Bärental, Sammlung Herold, Aldingen.

Distichoceras (Distichoceras) bipartitum (QU. 1887), (3,0 cm) mit Aptychen-Paar (Praestriaptychus), Callovium von Sengenthal, Sammlung Horst Gradl.

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Distichoceras (Distichoceras) bipartitum (QU. 1887), (2,5 cm) mit Aptychen-Paar (Praestriaptychus). Ich bedanke mich beim Sammlerkollegen Dietmar Schreiber aus Dürbheim für die Überlassung dieses Fundes aus dem Ornatenton von Egesheim.

Draufsicht auf links gezeigtes Exemplar. Gut zu sehen ist das Größenverhältnis von Aptychus und Wohnkammer. Für einen oft interpretierten “Unterkiefer” vielleicht doch etwas zu groß. Der Aptychus befindet sich in ventraler Normalstellung.

Aspidoceras sp. (8 cm) mit Laevaptychus, Malm gamma, Geisingen, Sammlung Herold, Aldingen.

Aspidoceras sp. (25 cm) mit Laevaptychus, Malm gamma, Lippachtal, Sammlung Herold, Aldingen.

Aspidoceras iphicerum (ca. 20 cm) mit Laevaptychus, Malm gamma, Obernheim, Sammlung Herold, Aldingen.

Aspidoceras sp. (? cm) mit Laevaptychus in Verschlußposition, Malm gamma.

Harpoceras sp. (10,0 cm) mit Cornaptychus, Holzmaden, Lias epsilon, Sammlung Knittel.

Harpoceras sp. (9,0 cm) mit Cornaptychus, Dotternhausen, Lias epsilon, Sammlung Knittel.

Harpoceras sp. (4,0 cm) mit Cornaptychus, Dotternhausen, Lias epsilon, Sammlung Knittel.

Hildoceras sp. (10,0 cm) mit Cornaptychus, Dotternhausen, Lias epsilon, Sammlung Knittel.

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Cornaptychus (2,7 cm) aus einer Kalkbank des Dotternhausener Ölschiefers Lias epsilon.

Gleiches Exemplar wie links im Bild. In zwischengelagerten Kalkbänken lösten sich die Aptychen nicht chemisch auf und man erkennt im Vergleich mit den oberen beiden Bildern, wie diese Aptychen wirklich aussahen.

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Dies ist ein Hildoceras lusitanicum (14 cm) aus dem Lias epsilon (Oelschiefer) von Dotternhausen (Sammlung Knittel). Der Cornaptychus befindet sich in “ventrale Normalstellung” (KEUPP) = (Ventralstellung TRAUTH 1927) und diese Position des Aptychus wird am häufigsten angetroffen, wenn mal ein Fund überhaupt mit Aptychus zur Ablagerung kam. Im Regelfall sind die gefundenen Exemplare jedoch ohne Aptychus und wohl nur Ammoniten, in denen sich zum Zeitpunkt ihrer Einbettung überhaupt noch ein Ammonitentier befunden hatte, zeigen dann in der Wohnkammer solch einen Aptychus. Die Position des Aptychus kann aber auch eine andere sein, je nach dem wie gestört oder ungestört der Ammoniten- Kadaver eingebettet wurde.

Bei “ventrale Normalstellung” des Aptychus ist gut vorstellbar, wie der Aptychus sich beim Vorrutschen des Ammonitentieres entfalten konnte und auch bei Gefahr die Wohnkammer zugbrückenartig verschließen konnte. Ob nun der Aptychus als ein “Unterkiefer” Teil der Buccalkapsel war oder bilologisch verändert keine Beißfunktion mehr hatte, dafür aber als Schutzschild in Tentakelnähe saß, weiß man noch immer nicht.

Daß sich der Aptychus mitsamt dem Ammonitentier im Tode nach hinten in diese “Normalstellung” zog, könnte auf Muskelschrumpfung des verwesenden Tieres zurückzuführen sein. Der Mantelsack des Cephalopoden war ja mit dem harten organischen Siphostrang fest an dem gekammerten Bereich verankert und wurde im Tode dadurch automatisch in das Innere der Wohnkammer gezogen. Nur selten werden nämlich Ammoniten gefunden, bei denen der Aptychus gerade die vordere Wohnkammer “abdeckelt”.

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Ein Physodoceras sp. aus dem Malm gamma 1 (Ammonitenseife) von Dürbheim (ca. 13 cm), Sammlung Knittel. Der Laevaptychus hat sich leicht gefaltet und ist etwas nach innen in die Wohnkammer gerutscht. Ob diese Position nun durch Muskelschrumpfung am Kadaver zurückzuführen ist, oder das Ammonitentier beides konnte (deckeln und zurückziehen) bleibt sicherlich auch weiter diskutabel, aber es könnte beides in Frage kommen, denn warum sonst hätten die Ammoniten im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte sich den zweigefalteten Aptychus einfallen lassen, wo sie doch lange Zeit den ungefalteten Anaptychus besaßen.

Ich bedanke mich an dieser Stelle bei dem Sammlerkollegen Dietmar Schreiber für die Überlassung des für mich wichtigen Belegstückes.

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Beispiel zum Erhaltungszustand der Ammoniten mit Aptychen aus dem Plattenkalk (Ober-Kimmeridgium) von Bayern.

Links: Aspidoceras sp. mit Laevaptychus in Normal-Stellung, Gehäusedurchmesser 3,2 cm, Aptychuslänge 1,2 cm.

Rechts: Taramelliceras mit Lamellaptychus in gedrehter Stellung, Gehäuse- durchmesser 4,8 cm, Aptychuslänge 2,1 cm. Sammlung Rötzer, Schierling.

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Ein besonderer Fund aus dem Plattenkalk (Ober-Kimmeridgium) von Ostbayern. Es handelt sich um einen 5,1 cm messenden Kot- oder Speiballen der aus zerknackten Aptychenresten besteht. Ferner liegt noch ein kugeliger kleiner Nierenstein drauf. Der Schmelzschuppenfisch Lepidotes konnte beispielsweise mit seinen kräftigen kugeligen Zähnen Ammonitengehäuse zerknacken. Vielleicht war ja er der Übeltäter. Sammlung Rötzer, Schierling.

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Ein 20 cm messendes Bruchstück eines Perisphinctiden mit einer Klappe eines Praestriaptychus. Die Relikte der organischen Auflage sind im Verhältnis zur Größe des Aptychen extrem dünn . Solche in situ-Funde bei Perisphinctiden sind sehr selten. Der komplette Aptychus links im Bild ist durch Spiegelung der Klappenhälfte künstlich zusammengesetzt. Sammlung Knittel.

   Hunting Position     /     Relaxing Position     /      Panic Position .

So ungefähr hätte dann der Aptychus als Teil des Fangapparates ausgeschaut. Rekonstruktion eines Kosmoceras (Gowericeras) galilaei (Makroconch) mit Granulaptychus. Modellbauer Leif Beckmann Vlotho / Exter. Nach Vorlagen von Günter Knittel.

 

Es werden immer wieder vereinzelte Funde von Ammoniten mit zugeklapptem “Unterkiefer - Schutzschild “ gemacht, sodaß letztlich eine Einarbeitung des Aptychus in dieser Weise als gerechtfertigt erscheint und man eine “Zugbrücken-Funktion” annehmen darf. Leider fehlt immer noch der “Traumfund” eines Ammoniten, der uns alle Details erkennen läßt.

Prof. Lehmann schrieb 1976 :

“ Indess, die Ammoniten waren so mannigfaltig differenziert, daß nicht für alle gelten muß, was für einige möglich erscheint. Einfaches Führen der Schaufel über dem Boden konnte u.U. schon Scharen von auf oder direkt über dem Boden lebenden Epibionten aufscheuchen. Die Entstehung des ungewöhnlich großen Kieferapparates ist vom Schlundkopf ausgegangen “.

Ein großes Lob gebührt Leif Beckmann für die Konzipierung und Herstellung dieser gelungenen Modelle.

Modellversuch mit einem Taramelliceras, dessen Original-Aptychus die Wohnkammer nicht vollständig verschließen konnte.

(Bild und Modell: Leif Beckmann).

Bei einem Distichoceras beispielsweise paßte der Aptychus auch bestens als “Deckel” im Rahmen der Zugbrücken-Funktion. Bei Gefahr zog sich der Ammonit sozusagen einfach seinen großen Unterkiefer über die Ohren.

(Bild und Modell: Leif Beckmann).

Einfärbungsversuch. Sicherlich hatte jede Ammoniten-Gattung ihre eigene Einfärbung. Fossilfunde mit Restfärbung sind bekannt.

(Bild und Modell: Leif Beckmann).

Die Einfärbung war wohl eher zur Auflösung der Kontur im Wasser notwendig als zum Zwecke der Schönheit.

(Bild und Modell: Leif Beckmann).

Beim Schwimmen per Rückstoß lagen dann die Tentakeln mit gefalteter Armschirmhaut auf dem Aptychus auf. Die bevorzugte Schwimmrichtung könnte aber in Richtung Fangapparat gewesen sein, wie Untersuchungen an Aspidoceraten des Fundortes Brunn aufzeigten (Prof. Keupp 1999).

(Bild und Modell: Leif Beckmann).

Der kalkige Aptychus war mit einer organischen Substanz überzogen. Das wäre nicht erforderlich gewesen, wenn dieser nicht aus dem Körper des Weichtieres herausgeschaut hätte. Dieses Modell wurde anhand eines Distichoceraten hergestellt.

(Bild und Modell: Leif Beckmann).

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Ausgefahrener Fangtrichter eines Taramelliceraten. Zwei der ursprünglich 8 Tentakeln (Vermutung) unterstützten die Bewegung des Aptychus unten im Fangtrichter.

(Bild und Modell: Leif Beckmann).

Ammoniten könnten analog der Sepien spärische Linsenaugen gehabt haben. Ihre Lebensweise spräche dafür.

(Modell: Leif Beckmann).

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Da gäbe es aber noch eine zweite Möglichkeit, wie so ein Ammonitentier ausgesehen haben könnte.

Hier habe ich dazu mal den Kopf einer Spirula spirula in das Gehäuse eines Kosmoceras annulatum montiert. Die heute noch lebenden Spiruliden sind Plankton- fresser, haben keine Reibzunge (Radula) und leben in vergleichbaren Wassertiefen wie die Nautiliden. Die 10-armigen Spiruliden sind also in der Lage, mit solchen teils mickrigen Tentakeln ihre planktonische Nahrung aus dem Wasser herauszufischen. Das könnte schnell zu der Überlegung führen, daß auch die Ammoniten so ähnlich ausgesehen haben könnten, zumal Ammoniten und Spiruliden ihre gemeinsame Wurzel bei den Bactriten im Ordovicium haben. Bei den Ammoniten müßten jedoch die Reibzunge, die deckelfähigen Aptychen-Unterkiefer sowie die reduzierten Oberkiefer mit berücksichtigt werden. Auszuschließen wäre es nicht.

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Beckmann hat an einem stacheligen und ohrentragenden Modell eines Kosmoceras castor ausprobiert, wie so ein spirulider Fangapparat mit Aptychus bei einem Ammoniten ausgesehen hätte. Vielleicht käme ja diese Option auch in Frage. Zumindest wissen wir von der rezenten Spirula, daß man mit solch einem Fangapparat planktonische Nahrung aufnehmen kann. Der ammonitische Aptychus hätte dabei auch seinen sinnvollen Platz. Ich gehe nämlich davon aus, daß der Aptychus so plaziert gewesen sein muß, daß bei Gefahr sich das Ammonitentier blitzschnell “deckeln” konnte und nicht erst zeitverzögernd dieses “Schutzschild” aus seiner Buccalkapsel innerhalb der vorderen Wohnkammer hervorschieben mußte.

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Aufgebrochene Kammern 10 mm.

Und noch einige Anmerkungen.

Die Masse der Ammoniten ist/war ja sehr klein und wir sind meistens von deren kompakt wirkenden versteinerten Gehäusen etwas einseitig beeinflußt. Aber eigentlich waren die Ammoniten und insbesondere die kleinen davon quasi sehr leicht. Der gekammerte hydrostatische Apparat war nicht mit Wasser gefüllt, sondern mit einem Luft-Gasgemisch. Bei manchen litauischen oder auch russischen Ornatenton-Ammoniten sind die Kammern im Innenbereich fast noch original und sie sind dermaßen leicht und filigran, daß man noch nicht einmal hinpusten möchte, um sie nicht zu zerstören.

Eine Eierschale wäre dagegen schon dick.

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Der Weichkörper war bei vielen kleinen Ammoniten fast lang und dünn wie ein Wurm. Der gekammerte innere Teil des Gehäuses (der Schwimmkörper) wurde quasi vom Weichkörper des Ammonitentieres umschlossen. Das ist zu berücksichtigen, wenn man sich Gedanken um die Stabilität des Ammonitentieres während des Schwimmens macht. Beim rezenten Nautilus ist nämlich der Weichkörper erheblich kürzer.

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Wir haben es da nicht mit einem stabilen Mantelsack zu tun, wie wir ihn von rezenten langgestreckten Cephalopoden kennen. Obiges Bild zeigt ein Psiloceras psilonotum aus dem unteren Hettangium. Es zeigt schön den gekammerten Bereich und die lange Wohnkammer, in der das Ammonitentier drinnen saß. Die Wohnkammer ist etwas länger als eine Spiralwindung.


Einige allgemeine Bemerkungen als Argumentationshilfe:

Durch Freßfeinde "leergelutschte" Ammonitengehäuse wurden nicht mit Aptychen abgelagert. Das bedeutet im Prinzip, daß der Aptychus/Anaptychus nicht mit dem Gehäuse, sondern mit dem Weichkörper verwachsen war.

Ammoniten, die durch unterseeische Ereignisse schnell zur Einbettung gelangten oder in lebensfeindlichem Lebensraum zur Ablagerung gelangten, haben sehr oft den Aptychus noch im Gehäuse oder in Gehäusenähe (Beispiel Brunner Plattenkalk, KEUPP).

Auch “ohrentragende” Männchen (Mikroconche) besaßen den Aptychus. Daher scheidet aus, daß der Aptychus etwas mit eiertragenden Weibchen zu tun haben könnte.

Der Aptychus kann nicht mit dem Deckel / Operculum einer Meeresschnecke verglichen werden, weil die Schnecken den Deckel am Fuße tragen und diesen bei Gefahr nach vorne in die Gehäuseöffnung drehen können. Der Mantelsack eines Ammonitentieres hingegen war durch den Sipho-Strang hinten am Gehäuseinneren fest verankert, was eine körperliche Drehung des Tieres in dem Gehäuse verhindert hätte.

Wäre der Aptychus ein reiner Deckel gewesen, dann hätte er eine gewisse Mechanik benötigt für die es bisher keine ausreichenden Fundbelege gibt. Die in meinem Modellvorschlag eingebrachte Zugbrückenfunktion (bereits 1927 von TRAUTH geäußert) eines biologisch veränderten übergroßen Unterkiefers (LEHMANN) wäre die sinnvollste Lösung gewesen und könnte anhand bisheriger Fundbelege schon eher begründet werden. Es mag sich die Frage stellen, ob das nicht aus biologischer Sicht gesehener Unfug ist. Es sei aber zu bemerken, daß beispielsweise das “Geweih” des heutigen Hirschkäfers der vergrößerte und verformte Oberkiefer ist. Die Evolution ist offensichtlich zu solchen Veränderungen fähig.

Die bisher vereinzelt gefundenen rudimentären Oberkiefer würden bei einer reinen Deckelfunktion absolut keinen Sinn machen, denn welcher Deckel braucht schon einen Oberkiefer.

Wir wählten als Ammoniten-Modell ein Tier mit insgesamt 8 Fangarmen, welche mit einer Armschirmhaut verbunden waren. Dabei sind 6 Fangarme sichtbar und zwei nicht sichtbare Fangarme sind zur Steuerung des Aptychus etwas abgewandelt. Der Unterkiefer konnte dabei sekundär als Schutzschild wie ein Deckel, also ähnlich einer Zugbrücke nach oben gezogen werden. Leif Beckmann gestaltete einige Ammoniten - Animationen, welche den Bewegungsablauf der Armschirmhaut verdeutlichen. Dabei zieht sich das Ammonitentier in seine Wohnkammer zurück, der Aptychus bleibt in vorderster Position und verschließt dabei die Gehäuseöffnung wie eine Zugbrücke. Das dürfte also auch beim lebenden Tier gut funktioniert haben, wie die Animationen vermuten lassen.

 Ich gehe davon aus, daß alle Ammonoidea schwimmen konnten und keine „Kriechtiere“ waren. Folgende Überlegungen leiteten mich:

1. Alle Ammonoidea hatten ausgeklügelte hydrostatische Schwimmapparate und sind deshalb nicht mit Gastopoden vergleichbar.

2. Mündungsamphysen, Trichter und Aptychus sprechen gegen eine kriechende  Lebensweise. Manchmal tragen Ammonitengehäuse sogar noch ”Schmarotzertiere” wie Entenmuscheln oder mit der Gehäusespirale mitgewachsene Serpuliden (Röhrenwürmer). Solche Merkmale können nur dann auftreten, wenn der Ammonit ähnlich dem heutigen Nautilus sein Gehäuse außen und schwimmend trug.

Hier ein Beispiel eines Ammoniten, mit dem ein Röhrenwurm zwischen den Windungen einfach mitwuchs:

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Arnioceras sp. mit aufgewachsenem und vom Ammoniten umwachsenem Röhrenwurm „Serpula“ olifex, Unter-Jura, Unter- Sinemurium, Lias alpha 3, ca. 195 Mio. Jahre alt, Bisingen-Steinhofen. Sammlung Federico Fanzutti.

3. Ammonoidea bewohnten auch Meeresbereiche mit lebensfeindlichen Böden, die keine Hartgründe zum abweiden aufwiesen. Derartige Böden sind durch extreme  Gastropoden - Armut gekennzeichnet (Tonschiefer) und wären kein Lebensraum für kriechende Ammoniten oder bodennah lebende Ammoniten gewesen.

4. Extreme heteromorphe Formen hätten keinerlei Kriechweise einnehmen können um beispielsweise Algenböden abzuweiden. Sie gelten daher als Strudler in der freien Wassersäule. Dazu braucht es allerdings einen dafür tauglichen Fangapparat.

Weitere Gedanken zum Ammonitentier:

Ammonoidea haben unterschiedlich große Schaufel-Kiefer, vom devonischen  Gyroceratiten über die Muschelkalk-Ceratiten bis hin zu den letzten heteromorphen Kreideammoniten. Sie besaßen keine zusätzlichen Schnabel-Kiefer und waren nicht fähig, große Nahrung zu zerkleinern wie es beispielsweise der Nautilus kann.

Andere Cephalopoden haben anstelle der ammonitischen Schaufel-Kiefer sehr kleine und sehr funktionsfähige Schnabel-Kiefer.

Die Anaptychen / Aptychen - Schaufel-Kiefer waren bei allen Ammonoidea vorhanden, lediglich in unterschiedlicher Größenausprägung. Als sie groß genug waren, konnten sie als Schutzschild die vordere Wohnkammer abdeckeln. Derartige Fundbelege mit abgedeckelter Wohnkammer sind in Museen und Privatsammlungen vorhanden. Daß das mit dem Unterkiefer als Schutzschild garnicht so abwegig ist, zeigt uns der rezente Nautilus. Er schiebt im Kampf seinen Unterkiefer bedrohlich weit nach vorne und erinnert dabei etwas an einen Ammoniten, der das mit seinem überdimensionalen Unterkiefer natürlich wesentlich besser konnte.

Die heteromorphen Ammonitenformen der Oberkreide werden ja als Strudler  eingeschätzt. Es wurde aber davon Abstand genommen, sogleich alle Ammoniten als Strudler zu sehen, weil besonders im Weißjura die Ammoniten diese überdimensionalen Aptychen-Schaufel-Unterkiefer besaßen, die in irgend einer Funktion mit in die Freßweise eingebunden sein mußten. Zur Armierung des Fangtrichters wären Aptychus und rudimentärer Oberkiefer auch bei Strudlern von Nutzen gewesen.

Der zur Nachtzeit fressende Nautilus zeigt uns, daß man auch mit einem  Schwimmgehäuse in der Lage ist, Aas oder schlafende Krustentiere oder sogar Fische aufzunehmen und dabei nicht von der Strömung einfach abgetrieben wird. Auch hätte der aus dem Ammonitengehäuse herausragende muskulöse und bewegliche Trichter zum kurzzeitigen Abstützen auf dem Boden oder gar zu kleinen Bewegungen ausgereicht. Das hätte widerum ein zeitweiliges Ausharren in Strömungsrichtung ermöglicht. Der Trichter ist beim rezenten Nautilus nur ein geformter muskulöser Hautlappen und es ist daher denkbar, daß man den bei den Ammoniten auch in Gegenrichtung hätte drehen können, was dann eine gewisse Stabilität in der Strömung ermöglicht hätte. Es ist aber auch zu vermuten, daß sich Ammoniten nach ihrer planktonischen Ammonitella-Phase eher in strömungsarmen Gewässern aufhielten.

Ferner muß man das Ammonitentier in der planktonischen Ammonitella-Phase mit berücksichtigen. In dieser etwa ein Jahr andauernden Phase trieben die Tiere über die Meere und ernährten sich dennoch in Strömungsrichtung. Ammonoidea praktizierte also schon von Anfang an eine Nahrungsaufnahme im Schwimmzustand inmitten der Strömung. Vom Mageninhalt der Ammoniten her wissen wir, daß auch sehr kleine Ammoniten bereits einen Aptychus besaßen. Weil diese planktonische Ammonitella schon alle Merkmale eines erwachsenen Tieres trägt, dürfte auch die Armschirmhaut bereits vorhanden gewesen sein, mit welcher sie ihre Plankton-Nahrung aufnehmen konnte.

Die Freßweise der Ammoniten ist nicht ausreichend geklärt. Aber wir kommen an der Tatsache nicht vorbei, daß dieser überdimensionierte Unterkiefer nun mal da war und in den Freßapparat mit integriert sein mußte und der Kieferapparat nicht räuberisch benutzt wurde, weil sonst die Ammonoidae im Verlaufe ihrer Evolution einen räuberischen Schnabel-Kiefer ausgebildet hätte und vor allen Dingen dann ebenfalls derbe Fangarme benötigt hätte, die dann fossil überliefert wären.

Wenn das Ammonitentier mit ausgefahrenem Schaufel-Unterkiefer sich von der  Strömung über den Hartgrund treiben ließ, dann konnte es gleichfalls mit seiner  Armschirmhaut aufgescheuchte Kleinstnahrung aufnehmen. Ein Schrammen über den Meeresboden wäre dazu nicht erforderlich gewesen. Die fehlenden Abnutzungs-Indizien an Aptychen sind deshalb eher kein Gegenargument.

Nicht immer waren Anaptychen / Aptychen so groß, daß sie vollständig hätten die Gehäuseöffnung abdeckeln können. Das wäre eigentlich ein Gegenargument dafür, daß der Anaptychen / Aptychen nicht einfach nur ein Deckel war. Auch kreidezeitliche Ammoniten gab es mit Schutzschild-fähigem Aptychus bis an ihre Kreide/Tertiär- Aussterbegrenze.

 

Historisches zum Thema Aptychus.
Mit der Deutung der Ammoniten haben sich sicherlich die Menschen zu allen Zeiten befaßt. Aber erst nach dem Jahr 1700 zeichnet sich zumindest in Deutschland ab, daß die Wissenschaftler solche Fossilien mit ehemaligen Meereslebewesen in Verbindung brachten. Es dauerte offensichtlich weitere 150 Jahre, bis man sich dann auch im Detail mit den Ammoniten auseinander- setzte. So veröffentlichte ORBIGNY im Jahre 1849 eine Zeichnung mit Aptychen, die er aber für Schalenelemente eines Rankenfüßers hielt. Dann ging es aber Schlag auf Schlag mit der Deutung der Aptychen. Der versierte Ammonitenkenner Quenstedt, ab 1837 Professor an der Universität für Geologie und Mineralogie in Tübingen, brachte schnell die Aptychen in Verbindung mit möglichen Deckeln der Ammoniten. In seinen drei prächtigen Bänden über „Die Ammoniten der Schwäbischen Alb“ (1883 bis 1885) erfaßte er detailgetreu auch Ammonitenfunde mit Aptychen.
Zwischenzeitlich hatte im Jahre 1862 OPPEL bereits eine bemerkenswerte Publikation mit Solnhofener Ammonitenfunde und deren Aptychen herausgegeben.
Zu diesem Zeitpunkt hielt man die Aptychen nach langer Diskussionsphase für Deckel (Opercula) der Ammoniten.

Am Paläontologischen Institut der Universität Tübingen wurde fleißig an den Ammoniten weitergeforscht. Prof. Schindewolf vertrat dabei Quenstedts Auffassung hinsichtlich der Funktion der Aptychen als Deckel und lehrte dies auch sein Berufsleben lang.
Als im Jahre 1976 das Buch „Ammoniten“ des Prof. Lehmann, Hamburg erschien, geriet die Lehre vom Ammoniten-Deckel erst mal erheblich ins Wanken. Lehmann veröffentlichte neue Erkenntnisse, die Anhand einer reichen Ammonitenfauna aus den Geschieben von Ahrensburg gemacht wurden. Eine umfangreiche Reihe von Dünnschliffen ließ vermuten, daß Aptychen Bestandteil eines großen Kieferapparates im Inneren der Ammoniten waren. Lehmann ging davon aus, daß er Ober- und Unterkiefer sowie Radula (Reibzunge) der Ammoniten nachweisen konnte. Seine Zeichnung eines Kieferapparates orientierte sich dabei allerdings an den wesentlich kleineren Schnabelkiefern der Nautiliden. Einen solchen funktionsfähigen riesigen Schnabelkiefer besaßen aber Ammoniten sicherlich nicht.
Aptychen galten seit dieser Zeit als biologisch veränderte Unterkiefer solcher ammonitischen Schnabelkiefer. Aber schon damals paßten weder Größenverhältnis zwischen solch einem proportional riesigen Schnabelkiefer noch die gefundenen Kleinstnahrungsreste so recht ins Bild.


Nun zu einigen historischen Betrachtungen (Originaltext aus TRAUTH 1927) die uns zeigen, wie schwer man sich früher mit der Deutung der Aptychen- Funktion tat:

1.  O k e n (1829) erwog es, die Aptychen als Brustschilder gewisser
W ü r m e r aus der Ordnung der Sipimculidae (Thalassema scutatum
R a n z a n i, Sternapis O t t o ) zu deuten, freilich mit dem Bemerken, daß die
Würmer dann wohl eine ungeheuere Größe besessen haben müßten.


2.  Wie wir bei S t r i c k l a n d (1845, p. 234) erwähnt finden, war Prof. F o r b e s geneigt, die Aptychen auf „Holothuriadae" zu beziehen, eine gewiß ganz absonderliche Vorstellung.


3.  Für R ü p p e l l (1829) sind die glatten (laeven) Aptychen („Tellinites
problematicus") von Solnhofen „ S c h u t z o r g a n e der A t m u n g s -
w e r k z e u g e eines noch nicht genauer bekannten M o l l u s k e n".
Während er die lamellosen Aptychen („Tellinites solenoides") von dort als Ammonitenopercula betrachtet.


4.  K e f e r s t e i n (1862—66) formulierte, Anaptychen sind Haftbandverhärtungen und Aptychen Nidamentaldrüsen - Deckel von Ammonoiden.


5.  Zu den Muscheln (Lamellibranchiata) sind die Aptychen von S c h e u c h z e r (1702, 1716, „Tellinoides"), B a i er (1757, „Chama" und „Tellina"), W a l c h (1771—73, „Muschel", resp.„Tellintites"), P a r k i n s o n (1811, 1830, „Trigonellites"1), S c h l o t h e i m (1820, „Tellinites" und „Solenites") und D e s l o n g c h a m p s (1835 Münsteria p. 64, „Münsteria") gerechnet worden, Ansichten, die von V o l t z (1837, Notiz p. 307 bis 308), F i s c h e r (1882 p. 374) und R e y n e s (1867 p. 37) widerlegt wurden.


6.  An innere (schulpenartige) Schalenbildungen n a c k t e r D i b r a n c h i a t e n („acetabuliferer Cephalopoden"), ähnlich Sepia oder Loligo, dachten bei den Aptychen insbesondere M e y e r (1829, 1831), C o q u a n d (1841 p. 387, „Teadopsis"), G i e b e l (1849 p. 100 „Sepien mit geteilter Rückenschale") und endlich B l a c k m o r e (1896), der sie speziell für die Proostraca von Belemniten hielt.


7.  J o u r d a n (in R e y n e s , 1867 p. 46—47) erklärte sie für die inneren Verknöcherungen eines eigenen derartigen nackten Cephalopodengenus, dem nach seiner Ansicht auch die als Rhynchoteuthis bekannten Kiefer oder Schnäbel zugehörten und das er deshalb mit einem speziellen Gattungs- namen „Aptychoteuthis" belegte.


8.  Z i t t e l (1868 und 1870), wenngleich er ja damals an der Herkunft der cellulosen (laeven) Aptychen von Aspidoceras und auch anderer Aptychen von anderen Ammoniten nicht zweifelte, die in den alpinmediterranen Aptychenschichten so häufigen „punctaten" Formen (Aptychus punctatus V o l t z) und ferner den sie darin begleitenden „lamellosen" Aptychus Beyrichi O p p. und A. exsctilpttis S c h a u r. auf n a c k t e C e p h a l o p o d e n z.T. auf derartige T e t r a b r a n c h i a t e n beziehen wollte (1868, p. 52; 1870, p. 149).


9.  Indem D e s l o u g c h a m p s die Aptychen unter der Bezeichnung Münsteria als Muscheln der Familie der „Solenoides" deutete, zeichnete er sie vorn und hinten unten stark klaffend (I.e. Taf. XI, Fig. 2, 5, 7, 9, 11, 13). Neben dieser ihm als die wahrscheinlichste dünkenden Erklärung zog er es aber immerhin auch in Erwägung, daß die Aptychen vielleicht doch auch interne schulpartige Dibranchiatenschalen aus der Verwandtschaft seiner „Teudapsiden" hätten gewesen sein können (I. c. p. 63 und 1835, Teudopsides. p. 77—78).


10.  Nebenbei sei noch erwähnt, daß auch D e s l o n g c h a m p s sen. neben der Bivalvennatur der Aptychen („Münsteria") gelegentlich ihre Zugehörigkeit zu den Dibranchiaten erwogen hat (vgl. die vorliegende Studie p. 173, Fußnote -).


11.   Die merkwürdige, auf einer gewissen gestaltlichen Ähnlichkeit der Aptychen mit Scuta von pedunkulaten C i r r i p e d i e r n (bes. von Lepas oder Anatifa) beruhende Hypothese, wonach dieselben ebensolchen Rankefüßern zugehören sollten, ist im 18. Jahrhundert von K n o r r (1755), von B e r t r a n d (1763) und D a v i l a (1767) ausgesprochen und dann noch namentlich von G e r m a r (1827, er nennt sie „Lepadites"), O r b i g n y (1849), P i e t e t (1854, p. 551), Vogt (1846—1871) und S t o p p a n i (1857, p. 329) vertreten worden, während sich D a r w i n (1864, p. 3—5) und D e s l o n g c h a m p s jun. (1864, p. 180) scharf dagegen ausgesprochen haben.


12.  Als Gaumen- oder Maxillarplatten, resp. als Gaumenzähne von F i s c h e n sind die Aptychen von D e l u c (1800, p. 422), der sie als „Bufonites" beschrieben, ferner von B o u r d e t d  l a  N i e v r e (1822), der sie darum „Ichthyosagones" benannt hat, und schließlich von S o w e r b y (vgl. in D e s l o n g c h a m p s, 1835, Münsteria, p. 6l) angesehen worden.


13.  Endlich sei noch einer ganz sonderbaren Darstellung von Aptychen als V o g e l s c h n ä b e l („bec d'Oiseau de Reutlingen") bei D a v i l a 1767 gedacht.

14.  Nur der Erklärung, die S c a l i a (1922, Ammoniti, p. 39) dabei dem häufigen Auftreten von Aptychen in Ammonitenschalen geben will, sei ihrer Absonderlichkeit halber kurz gedacht: Als die erbittertsten Feinde der Ammoniten pflegten, meint S c a l i a, jene benthonischen Krebse aus ihren Lauerplätzen im schlammigen Meeresgründe, in dessen Wellenfurchung (ripple marks) zumal die Skulptur lamelloser Aptychen eine treffliche Mimikry für diese Tiere gebildet habe, über die dorthin niedergetauchten Ammoniten herzufallen und sie aufzufressen, weshalb die „Krebspanzer" natürlich so oft in den Wohnkammern der Ammonitengehäuse zu beobachten wären. Ja zuletzt - zu Ende der Kreidezeit - seien, denkt S c a l i a, die Ammoniten den heftigen Nachstellungen der Räuber ganz erlegen und also durch sie zum Aussterben gebracht worden.


15.  Um das so augenfällige, häufige Zusammenvorkommen der Aptychen mit den Ammonitenschalen verständlich zu machen, mußten diese Hypothe- sen, die von ihrer Ammonitennatur nichts wissen wollten, zu allerlei Hilfser- klärungen greifen. So sollten sie, wenn als Cirripedier gedeutet, parasitär an oder in den Ammonitengehäusen befestigt gewesen und so mit ihnen herumgeschwommen sein (vgl. O r b i g n y  l, c., P i c t e t  1. c. und auch F i s c h e r , 1882, p. 374) ; S e a l i a erblickte in den Aptychen, wie vorhin erwähnt, die Panzer räuberischer Phyllocariden, deren Anwesenheit in der Gehäusewohnkammer ihrer Beutetiere ihm leicht begreiflich dünkte. Umgekehrt hielt sie M e y e r (1829, p. 15, vgl. auch Q u e n s t e d t , 1846 bis 1849, p. 323) eher für die Überreste von Tieren (Dibranchiaten), die von den Ammoniten verzehrt worden seien. Eine Widerlegung solcher Ansichten gab schon V o l l z (1837, Vortrag, p. 433—434).


16.  Die Bemerkung Sharpe's (1857, p. 19), daß R ü p p e l l gewisse Aptychen für Reptilschuppen gehalten habe, ist irrtümlich und geht darauf zurück, daß R ü p p e l l in der zitierten Abhandlung auch eine Platte mit Ganoidschuppern als vermutlichen Reptilrest beschrieben hat.


17.  Noch einen anderen Gedanken hat Q u e n s t e d t (1846 - 49, p. 323) geäußert, freilich sein Zutreffen gleich selbst als kaum zutreffend bezeich- nend: „Man könnte die Tatsache, daß die Aptychen in Beziehung auf Größe stets mit dem beiliegenden Ammoniten harmonieren, auch mit der Annahme erklären, die Aptychen seien nackte Tiere gewesen, welche sich eine leere Ammonitenschale von passender Größe etwa nach Art der Bernhardskrebse zum Wohnort aufgesucht hätten, um damit im Meere herumzuschwimmen. Allein es hieße das, das Unwahrscheinliche an die Stelle des Wahrschein- lichen setzen“.


18.  Ein zusammen mit den beiden Aptychenvalven in der Wohnkammer eines Scaphites aufgefundenes, sicheres Kieferstück führte M e e k und H a y d e n (1864, p. 121; 1876, p. 478) zu der Vorstellung, daß die Aptychen in Gegenwirkung zu diesem „Oberkiefer" („3. Kieferstück") als symmetrisch entwickeltes „ U n t e r k i e f e r " fungiert und demnach dem O r a l a p p a r a t e der Ammoniten angehört hätten, eine Meinung, wie sie nach den genann- ten beiden Forschern ähnlich schon früher J. G. S. v a n B r e d a gehegt haben soll.


19. …..als hätte es sich dabei für D e s h a y e s  etwa um verhärtete Falten der Magenschleimhaut, resp. um V e r k a l k u n g e n der M a g e n w a n d nach Art der mitunter bei Bulliden vorkommenden gehandelt, durch deren Triturationswirkung die Verdauung befördert worden sei.


20.  S t r i c k l a n d (1845, p. 234) erwog neben einer Deutung der liasischen, hornigen Anaptychen — und wohl der Aptychen überhaupt — als Bildungen der Kopfkapuze (vgl. p. 181) auch die als Verhärtungen des H a f t b a n d g ü r t e l s, mit dem die Ammonitentiere in der Wohnkammer befestigt gewesen wären.


21.  Nach B u r m e i s t e r (in B u c h , 1849, Aptychus, p. 368 ff.) wären sie dazu bestimmt gewesen den „B r o n c h i a l s a c k" — also die die Kiemen beherbergende Mantehöhle — zu schützen, wenn sich das Ammonitentier aus dem Gehäuse vorgestreckt hätte.


22.  R e y n e s (1867, p. 41 u. 51) erklärte die Aptychen, resp. auch die Anaptychen für innere Ossifikationen der Ammoniten, die vermutlich in einer direkten Beziehung zu den Organen der E r n ä h r u n g oder B I u t z i r k u l a t i o n oder F o r t p f l a n z u n g gestanden wären und jenachdem eine verschiedene und verschiedentiefe Lage im Weichkörper der Tiere einge- nommen hätten.


23.  Eine Meinung, die zuerst von K e f e r s t e i n (1862—66, p. 1337 und 1434) vertreten worden ist und dann die Zustimmung: W a a g e n's (1870, p. 190 ff.), M e n e g h i n i ' s (1867—81, p. 115) und — wenigstens vorüber- gehend — auch die Z i t t e l's (1868, p. 49), F a v r e's (1873, p. 7—9) und Z a k r z e w s k i ' s (1886, p. 47) gefunden hat, ging dahin, daß die Aptychen verkalkte Schutzdeckel paarig angelegter N i d a m e n t a l d r ü s e n von
Ammonitenweibchen gewesen wären. W a a g e n (1. c.) baute auf dem Fehlen oder Vorhandensein und der verschiedenartigen Struktur solcher Nidamentaldrüsen-Decken" sogar ein eigenes System der Ammoniten auf.
M e n e g h i n i (1. c.) dachte daran, daß die Aptychen neben ihrer Hauptfunktion als „interne" Schutzdeckel der genannten Drüse vielleicht auch durch ihren Druck bei der Abfuhr der Eier aus dem Körper mitgewirkt hätten.


24.  Im Gegensatz zu den zweivalvigen Aptychen sollten hingegen die Anaptychen nach K e f e r s t e i n (1. c., p. 1431 und 1434), der dabei K e y s e r l i n g (1846) folgt, Absonderungen der Kopfkappe der entsprechenden Goniatiten und Ammoniten gewesen sein.


25.   Nach A. B r a u n (in S i e b o l d , 1848, p. 371—372, Fußnote) und
S i e b o l d (1. c.) wären die Aptychen innere, schulpartige S c h a l e n von
Ammonitenmännchen gewesen, die bei ihrer Kleinheit in der Mantelhöhle der wesentlich größeren Weibchen (d. i. der normalen Ammoniten) parasitären Aufenthalt nahmen und daher so häufig ihre Schalenreste in den Wohnkammern der (weiblichen) Ammonitengehäuse finden ließen.


26.  Daß die Aptychen den Dibranchiaten-(Sepia-, Loligo-) schulpen vergleichbare innere O s s i f i k a t i o n e n (= Verknöcherung) gewesen seien, die vermutlich als I n n e n s t ü t z e n - mit nicht sicher angebbarer Spezialfunktion - für die Ammonitentiere gedient haben, ist wohl im wesent- lichen die Ansicht von Q u e n s t e d t (1846—49, p. 321; 1858, p. 247; 1867, p. 457—460), M e r i e g h i n i (1867—81, p. 115) und B u c h (1849, Aptychus, p. 365—370) gewesen, welch letzterer den S i p h o sich genau zwischen den beiden Aptychenvalven in einer Rinne nach vorwärts erstreckend und sich daran befestigend dachte.


27.  J h e r i n g (1881, p. 80) hielt die Aptychen - nicht zumindest wegen ihrer Struktur - für verkalkte N a c k e n k n o r p e l, homolog denen der Dibranchiaten, und schloß weiter daraus auf die Dibranchiaten-, resp. Decapodennatur der Ammoneen überhaupt. Daß mit dieser Hypothese das Auftreten visierartig geschlossener Mündungen bei manchen Ammoniten völlig unverträglich ist und sie daher klar widerlegt, ist u. a. von H o e r n e s (1884, p. 314) und S t e i n m a n n (1889, p. 44) betont worden.


28.  Eine Hypothese, welche die Aptychen mit den an den T r i c h t e r herantretenden und ihn so stützenden und seinen Muskeln zum Ansatz dienenden Schenkeln des K o p f k n o r p e l s des lebenden Nautilus in Vergleich setzt und ihnen auch eine ähnliche Funktion zuschreibt, ist zuerst von V a l e n c i e n n e s (1841, p. 263, 271, 303—304) ausgesprochen und dann später von S t e i n m a n n (1889, p. 32, 43—47 <; S t e i n m a n n und D ö d e r l e i n, 1890, p. 388—389) in einigermaßen modifizierter Form vertreten worden. Auch Q u e n s t e d t hat vorübergehend (1846-49, p. 323) ein derartige Ansicht gehegt.


29.  Die allein richtige Deutung als die Wohnkammer von Ammoniten gegen auswärts verschließende O p e r c u l a und demnach in dieser Hinsicht den Gastropodendeckeln vergleichbare Organe haben den Aptychen zuerst R ü p p e l l (1829, p. 5) und ferner V o l l z (1837, Notiz, p. 309—312) gegeben, denen sich dann immer mehr der mit diesen Fossilien beschäftigten Paläontologen angeschlossen haben, so M o o r e (1851),  M o r r i s (1852), D u m o r t i e r (1867, P. 180), D o l l f u s (1863), L e p s i u s (1875), B e y r i c h (1878), Z i t t e l (1885, p. 407), S t e i n m a n n (1903, p. 296; 1907, p. 320), S c h m i d t (1905, p. 208), B r o i l i ( in Z i t t e I - B r o i l i, 1921, p. 529), O'C o n n e l l (192]), C o x (1926) und viele andere.
 

Schlußbemerkung:

Als TRAUTH 1927 seine Aptychenstudien veröffentlichte kam er zu dem Ergebnis, daß die Aptychen Verschlußdeckel der Ammoniten (Opercula) waren. Diese Deutung wurde bis zu LEHMANNS neuen Studien (1976) beibehalten, wonach die Aptychen unterer Teil eines Kieferapparates waren. Ganz neu war LEHMANNS Deutung allerdings nicht, denn MEEK und HAYDEN hatten diese Vermutung bereits 1864 und 1876 so publiziert (siehe obigen historischen Text Nr.18.).

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